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Lernen Sie unsere Experten und Autoren kennen. Fachwissen für den Mittelstand.Chinesische Unternehmensstrategie - Sunzi zwischen Wahrnehmung und strategischer Realität
Das westliche Bild chinesischer Unternehmen ist häufig von Ambivalenz geprägt. Sie gelten vielfach als schwer berechenbar, opportunistisch oder wenig transparent. Strategische Richtungswechsel, schnelle Anpassungen und situative Entscheidungen werden nicht selten als Ausdruck mangelnder Planbarkeit interpretiert.
Diese Wahrnehmung greift jedoch zu kurz. Hinter vielen Verhaltensweisen, die aus westlicher Perspektive irritierend wirken, stehen andere strategische Denkmuster und Managementlogiken. Sie unterscheiden sich zwar von etablierten westlichen Ansätzen, sind jedoch keineswegs irrational und könnten in einem zunehmend volatilen Marktumfeld (VUCA/BANI*) sogar besondere Stärken entfalten.
Für Führungskräfte ergeben sich daraus zentrale Fragen:
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Inwiefern unterscheidet sich chinesisches Strategiedenken von westlichen Managementansätzen?
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Welche kulturellen, philosophischen und institutionellen Faktoren prägen die strategische Orientierung chinesischer Unternehmen?
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Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für Kooperation und Wettbewerb in einer zunehmend unsicheren globalen Wirtschaft?
Mehr als Sunzi: Die Wurzeln chinesischen Strategiedenkens
Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas wächst auch das Interesse an den historischen und kulturellen Grundlagen chinesischen Managements. Häufig wird dabei auf Sunzis „Die Kunst des Krieges“ (孫子兵法) verwiesen, eines der meistzitierten Werke in Managementliteratur und Business-Ratgebern. Die Interpretation bleibt jedoch häufig oberflächlich. Sunzi wird oft auf Schlagworte wie Überraschung, Konzentration der Kräfte oder taktische Überlegenheit reduziert und damit als früher Vorläufer moderner Wettbewerbsstrategien dargestellt.
Diese Sichtweise wird der Komplexität des Werkes kaum gerecht. Sie blendet insbesondere die philosophischen Grundlagen aus, in denen Sunzis Strategieverständnis eingebettet ist. Seine Lehre beschreibt weniger die konsequente Umsetzung eines vorab definierten Plans, sondern vielmehr die Fähigkeit, Situationen präzise zu analysieren, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und entstehende Potenziale gezielt zu nutzen.
Um moderne chinesische Unternehmensstrategien zu verstehen, muss Sunzi daher in einen größeren historischen und kulturellen Kontext eingeordnet werden. Das heutige chinesische Managementverständnis entsteht aus dem Zusammenspiel traditioneller Denktraditionen und moderner Wettbewerbsdynamiken.
Drei Faktoren sind dabei besonders prägend:
Erstens: Philosophische Traditionen wie Daoismus, Konfuzianismus und das Yi Jing betrachten Veränderung als permanenten Zustand. Stabilität entsteht nicht primär durch Kontrolle, sondern durch Anpassungsfähigkeit und den richtigen Umgang mit Wandel.
Zweitens: Das moderne Wirtschaftssystem Chinas ist durch außergewöhnliche Rahmenbedingungen geprägt: einen riesigen Binnenmarkt, intensive staatliche Steuerung, hohe regulatorische Dynamik und einen extremen Wettbewerbsdruck.
Drittens: Seit den Reformen Deng Xiaopings hat sich ein Unternehmertum entwickelt, das in einem Umfeld permanenter Transformation entstanden ist. Veränderung wird daher weniger als Ausnahme, sondern als Normalzustand verstanden.

Strategie als Nutzung von Potenzialen
Vor diesem Hintergrund erscheint auch Sunzis Strategieverständnis in einem neuen Licht. Der Ausgangspunkt strategischen Handelns ist nicht primär die Festlegung eines starren, detailliert ausgearbeiteten Endplans. Entscheidend ist vielmehr die kontinuierliche Analyse der Situation und ihrer Dynamik das Erkennen und Nutzen des „Potenzials der Situation“ (Shi 势).
Erfolg entsteht demnach weniger durch das konsequente Abarbeiten eines vorgefertigten Fahrplans, sondern durch die Fähigkeit, günstige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und flexibel für die eigenen Ziele einzusetzen. Strategie wird damit zu einem kontinuierlichen Anpassungsprozess. An die Stelle linearer Langfristplanung tritt die permanente Beobachtung des Umfelds sowie die Fähigkeit, neue Handlungsspielräume schnell zu nutzen.
Dies bedeutet jedoch keineswegs Ziellosigkeit oder fehlende strategische Orientierung. Ein prägnantes Beispiel liefert die chinesische Wirtschafts- und Technologiepolitik: Mit Instrumenten wie den Fünfjahresplänen oder Initiativen wie „Made in China 2025“ definiert China klare langfristige Zielrichtungen. Der Weg dorthin bleibt jedoch bewusst flexibel, experimentell und anpassungsfähig. Das strategische Ziel ist der unverrückbare Nordstern. Die Route dorthin kann sich jedoch abhängig von Marktveränderungen, Krisen und neuen Chancen jederzeit verändern.
Fuzzy Vision: Strategische Offenheit als Wettbewerbsvorteil
Aus westlicher Perspektive kann diese Vorgehensweise leicht als fehlende Klarheit oder mangelnde strategische Konsequenz interpretiert werden. Tatsächlich handelt es sich jedoch häufig um eine bewusst gewählte Form strategischer Offenheit.
Diese sogenannte Fuzzy Vision ermöglicht:
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schnelle Anpassungsfähigkeit
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hohe operative Agilität
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pragmatische Entscheidungsprozesse
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konsequente Nutzung entstehender Chancen.
Gerade in einem Umfeld geprägt von geopolitischen Spannungen, technologischen Umbrüchen und volatilen Märkten gewinnen diese Fähigkeiten zunehmend an Bedeutung.
Management-Implikationen: Strategische Logiken verstehen
Für Unternehmen, die in China tätig sind oder mit chinesischen Partnern zusammenarbeiten, ergibt sich daraus eine zentrale Erkenntnis: Erfolgreiche Kooperationen erfordern mehr als Marktanalysen, Prozesse und Governance-Strukturen. Ebenso wichtig ist das Verständnis der strategischen Denk- und Entscheidungslogiken des Gegenübers. Viele Missverständnisse entstehen nicht aufgrund unterschiedlicher Interessen, sondern aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen darüber, wie Strategie entsteht, Risiken bewertet und Chancen genutzt werden.
Wer China ausschließlich durch westliche Managementmodelle interpretiert, läuft Gefahr, strategische Signale falsch zu deuten. Wer hingegen beide Perspektiven miteinander verbindet, schafft bessere Voraussetzungen für belastbare Partnerschaften, stärkere Wettbewerbspositionen und nachhaltige Wertschöpfung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob chinesische Unternehmen „anders“ agieren. Entscheidend ist vielmehr, ob westliche Unternehmen bereit sind, andere strategische Logiken zu verstehen und daraus zu lernen. In einer Welt zunehmender Unsicherheit könnte genau diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
*VUCA: Volatility Uncertainty Complexity Ambiguity / BANI: Brittle Anxious Non-linear Incomprehensible
Dirk Müller VBU Partner Shanghai
Deep Dive:
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François Jullien: Über die Wirksamkeit (Original: Traité de l’efficacité).
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Paul Dragos Aligica: Efficacy, East and West: François Jullien’s Explorations in Strategy.
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Shaomin Li: Bracing for the China Challenge: Strategic Implications for Transnational Corporations.
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Gaston, J: Dilemmas of Western Strategic Thinking vs. Eastern Adaptability).
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Min Chen: Asian Management Systems: Chinese, Japanese and Korean Styles of Business.
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Wee Chow Hou: Sun Tzu: Business Strategy Series & Sun Tzu: War and Business.
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Ames, Roger T: Sun-tzu: The Art of Warfare.
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Harro von Senger: Strategeme und Die Kunst der List.
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Richard Nisbett: Die Geografie des Denkens: Wie Asiaten und Westler unterschiedlich denken.
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Mark McNeilly: Sun Tzu and the Art of Business: Six Strategic Principles for Managers.
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Alastair Iain Johnston: Cultural Realism: Strategic Culture and Grand Strategy in Ming China.
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