Deutschlands mittelständische Unternehmer haben ein Problem mit der Unternehmesnachfolge. Die 50er Jahrgänge sehen, wie ihre Freunde und Bekannten im Angestelltenverhältnis allmählich in Rente gehen. Doch die Kapitäne der Unternehmen denken einfach nicht daran, das Ruder demnächst aus der Hand geben zu wollen. Jetzt doch nicht, wo alles so gut läuft. Achtung Falle!

Hat eine verspätete Midlifekrise des Unternehmers damit zu tun?

Unternehmer sind Menschen, die Zeit ihres Lebens etwas unternehmen. Das hat sie erfolgreich sein lassen. Über Jahrzehnte sind diese Alphatiere mal volle Pulle auf der Überholspur, mal sind sie im übertragenen Sinne mit dem Off-Roader auf der Buckelpiste, mal stehen sie im Stau. Aussteigen und die Unternehmensnachfolge regeln, machen nur die Weicheier, die Alten und die Kranken - so das Welt- und Selbstbild dieses Unternehmertyps. Der Blick des Unternehmers geht zwar für seinen Betrieb nach vorne, aber blinde Flecken im eigenen persönlichen Profil erkennt der Macher nicht. Weitsichtige Planung für eine zielorientierte Unternehmernachfolge (das zeigen die Statistiken landauf landab), rangieren bei den  Machern gar nicht oder unter ferner liefen. Alt werden, nicht mehr so dynamisch wie früher sein, gar an das eigene Ende denken, ist nichts für erfolgsgewohnte Helden. Der Industrie- und Handelstag veröffentlichte unlängst, dass in den nächsten drei Jahren eine halbe Million mittelständische Unternehmen zu einer Unternehmernachfolge anstehen. Wie soll das gelingen, wenn Gründer oder Übernehmer nicht loslassen von Macht, Einfluss und Gestaltungswillen? Was geht in den Köpfen und Seelen der Menschen vor, die dreißig, vierzig Jahre alles in und für ihr Unternehmen gegeben haben?

Welcher Zerreißprobe ist der Unternehmer ausgesetzt?

Gespräche im Kreise der Familie, mit dem Partner, mit den erwachsenen Kindern haben zur anstehenden Unternehmensnachfolge garantiert schon öfter stattgefunden. Die Prolongation dieser Gespräche auf ein zwar erkanntes, aber nicht näher definiertes Ziel wiederholt sich periodisch. Anstöße zu diesem heiklen Thema in den Medien oder Gespräche mit dem Steuerberater oder anderen Vertrauten im Business werden sicherlich auch immer wieder wahrgenommen. Und dennoch ist da eine innere Blockade, die den großen Macher zögern, zweifeln lässt. Was geht da ab? Einerseits ist hier die kognitive Erkenntnis für einen Handlungsbedarf gereift. Andererseits wird der noch so klare Kopf vom Unterbewusstsein dirigiert. Angst, Zweifel, Schmerz durch das Eingeständnis, handeln, abgeben zu müssen, bringen den Senior auf einen Schlingerkurs. Diesen Schlingerkurs hält der Unternehmer prima aus, kann er doch immer wieder durch Tricksen und (Selbst-)Täuschen die endgültige Entscheidung hinauszögern. Er belohnt sich anstelle einer Entscheidung für eine Unternehmensnachfolge mit den unternehmerischen Erfolgen, die es ja zweifellos noch gibt. Frei nach dem Motto "na siehste, geht doch noch". "Sie glauben ja gar nicht, was ich als Ehefrau mir den Mund schon fusselig geredet und was für Qualen ich zu diesem Thema schon durchlitten habe", gestand mir jüngst eine Unternehmergattin, die zudem auch noch im Betrieb die Finanzen managet. Auch die längst erwachsenen, gut ausgebildeten Kinder haben bislang mit dem Patriarchen keine zielorientierten Gespräche führen können.

Wie streift nun der Unternehmer die eigenen Fesseln ab?

Idealerweise setzt sich der Unternehmer im Alter von sogar schon Anfang 50, dann aber spätestens Ende 50 aktiv mit dem Thema seiner Unternehmensnachfolge auseinander. Er weiß zu diesem Zeitpunkt bereits cool und ohne "Endzeitstimmung", dass er eines Tages nach seinen eigenen Vorstellungen die Zukunft seines Unternehmens sichern und seinen eigenen persönlichen dritten Lebensabschnitt regeln muss. Es ist sicherlich weise, den Lebenspartner bereits in diesem Frühstadium der Überlegungen intensiv mit einzuplanen. Warum?

Welche Erkenntnis lässt sich aus diesen Gedanken ableiten?

Die Unternehmernachfolge ist komplex und braucht Zeit und Mut. Weitsicht und die Erkenntnis, dass diese Phase vom Ablassen von Erfolg und Einfluss schmerzlich ist, öffnen das Fenster zum aktiven Tun. Alleingänge des Unternehmers sind nicht nur holprig, sondern in den meisten Fällen langwierig und selten erfolgreich. Bedienen Sie sich des Rates der Familie und talentierter Profis. Dann gelingt die Unternehmernachfolge.

Foto: Georg W. Moeller, Pixabay


Autor: Georg-W. Moeller, Unternehmerberater im VBU, Verbund beratender Unternehmer. Business Coach IHK München- und Oberbayern, Mentor, Führungskräftetrainer mit Schwerpunkt auf mittelständische Unternehmernachfolge, Implementierung in neue Aufgabengebiete, Konfliktmanagement: https://www.gwm-coaching.de

Mehr Informationen und Beiträge zu diesem brisanten Unternehmerthema finden Sie auf: Link