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Digitalisierungsperspektiven Teil I: Neues Arbeiten, Leben, Lernen

network-4028019_1920 Digitalisierung fördert Vernetzung zwischen Arbeit und Privatem

Digitalisierung beherrscht unsere Gegenwart. Die erste Assoziation ist immer eine technologische (was ist technisch möglich und erforderlich?), die zweite eine ökonomische (wie sehen Geschäftsmodelle aus?). Digitalisierung bedeutet aber weit umfassender und tiefgehender eine grundlegende Wandlung unserer Gesellschaft, ob im Individuellen oder in der Wirtschaft. In Teil 1 geht es um einen neuen Wert des Lernens zwischen Privat- und Erwerbsleben.

Der Mensch im digitalen Kulturwandel

Es ist der uralte Menschheitstraum: Über das Geschöpf hinauszuwachsen, selbst Schöpfer zu sein. Die Begrenzung des eigenen Seins zu überwinden, indem wir die Geheimnisse unseres Bewusstseins entschlüsseln. An der Harvard Universität haben Wissenschaftler eine Sonde aus ultradünnen Fäden entwickelt, die das Gewebe des Gehirnes nachahmt. Das feinst versponnene Netz lässt sich mittels einer Spritze ins Gehirn injizieren, wo es sich mit den Neuronen und Synapsen verflicht[1]. Ziel dieser und ähnlicher Forschungen an renommierten Wissenschaftszentren ist das Übertragen von Gedanken, mehr noch Inspirationen zwischen Menschen, ohne dass es noch aufwändiger Repräsentationen bedürfte, etwa musikalischer Partituren oder architektonischer Skizzen. Schaffen wir uns ein „Alter Ego“, das uns eines vielleicht nicht allzu fernen Tages überflüssig macht?

Zwischen Euphorie und Ängsten

Ängste dieser Art sind bereits heutigen Tages virulent. Wird die sog. künstliche Intelligenz, das maschinelle Lernen mittels elektronisch-neuronaler Netze, uns als Arbeitskräfte ersetzen? Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Euphorie und Ängsten. Der Euphorie zugehörig sind alle Entwicklungen, die unser Dasein komfortabler gestalten. Im Wirtschaftskontext sind es bspw. elektronische Prozesse, die eine dem Menschen so nicht mögliche Schnelligkeit und Effizienz ermöglichen. Im privaten Bereich verwöhnt uns das sog. Smarthome als stummer Diener für viele Handgriffe, die wir uns nun sparen können; im autonom fahrenden Auto sollen wir uns in naher Zukunft entspannt chauffieren lassen. Sind wir dieser schönen neuen Welt gewachsen? Was fordert sie im Umkehrschluss von uns ein? An Rahmenbedingungen, zivilisatorischen Anpassungen und einem generischen Verständnis individueller und kollektiver Lebensgestaltung?

Maschinelles Lernen, menschliches Verstehen 

Hier spannt sich der Bogen zum menschlichen Lernen, zum Begreifen dessen, was um uns herum geschieht, sich entwickelt, was wir selbst in Gang gesetzt haben. Menschliches Lernen schließt, analog dem maschinellen, das Erfassen und Kombinieren von Daten ein. Im Kognitionsprozess werten wir die unzähligen Eindrücke, die via unseren fünf Sinnen auf uns einstürmen, aus, sondieren sie und ziehen Schlüsse daraus. In diesem Kognitionsprozess ist die sog. Künstliche Intelligenz uns heute in Sachen Speicherungskapazität von Informationen und daraus folgend Kombinationsfülle bereits überlegen. Menschsein und damit menschliches Verstehen und Lernen aber bedeutet auch das Nachdenken über das eigene Sein, ein eingebettet Sein in ein kulturelles Gedächtnis, den Willen zu gestalten, den individuellen Lebensentwurf. Es bedeutet ein Bewusstsein, das über algorithmische Berechnungs- und Lernverfahren hinaus geht, sagt der Mathematiker und theoretische Physiker Roger Penrose (Jahrgang 1931), der sich von Beginn an mit dem Phänomen der KI auseinandergesetzt hat.

Verwobenheit von Arbeit und Privatem

In diesem Verständnis menschlichen Bewusstseins und damit korrelierend Lebensentwürfen sind Arbeit und Privates untrennbar miteinander verwoben. Allein die, über die Jahrhunderte immer wieder changierende, Konnotation von Arbeit zwischen purem Broterwerb und Selbstverwirklichung verdeutlicht, dass eine Trennung dessen, was wir tun – in Erwerb einerseits und Privatheit andererseits – ein Konstrukt ist. Worin wir uns am Arbeitsplatz fortbilden, im Rahmen der Betrieblichen Fort- und Weiterbildung, verschwindet nicht, wenn wir das Unternehmen verlassen, sei es nur auf dem Weg nach Hause oder mit dem Wechsel zu einem anderen Unternehmen oder in eine gänzlich neue Tätigkeit.

Lernen als Hybrid zwischen Lebenswelten

Umgekehrt bringen wir das, was wir im Privaten erleben und lernen in unseren Arbeitskontext ein, bewusst oder unbewusst. Ein Konstrukt eines zweigeteilten Menschen – einer am Arbeitsplatz, einer im Privatleben – ist schon heutigen Tages von vielen Brüchen und Rissen durchzogen: Mit der fortschreitenden elektronischen Entwicklung mit ihren Konsequenzen wegfallender, im Gegenzug neu entstehender Arbeitsplätze, aber auch einer neuerforderlichen Konnotation dessen, was menschliches Denken und menschliche Arbeit so wertvoll, so unersetzlich macht – im Zuge dieser Entwicklungen verwischen die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatem im Stile industrieller Prägung immer mehr. Die sog. lernende Organisation ist Gestalt gewordenes Beispiel für ein hybrides Verständnis von Lernen und Interaktion im beruflichen und im individuell-privaten Bereich.

Die große Chance der Stunde "0"

Lernen ist mehr als das Adaptieren von Wissen oder Instrumentarien zur Arbeitsgestaltung. Ohne ein Bewusstsein, eine Haltung zu dem, was wir hier an neuen Erfahrungen integrieren, bleibt jegliche neugewonnene Kompetenz blutleer, tote Materie. Die sich immer noch exponentiell entwickelnde Dynamik des Fortschritts kann als Bedrohung gesehen, sie kann aber auch als Chance genutzt werden, weit über die Annehmlichkeiten elektronisch basierter Services hinaus. Die Chance unserer Stunde „0“, die auch eine Zeitenwende markiert, besteht in einer (Rück-)Besinnung auf die menschliche Fähigkeit zu interdisziplinärem Lernen und Denken. Den Bogen spannen zu können zwischen vermeintlich Gegensätzlichem – wie bspw. zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften (wie es der französische Physiker Carlos Rovelli[2] beschwört) – das katapultiert das Lernen als solches in ein tiefgehendes, existentielles Verstehen, es gestaltet die (vermeintlichen) Grenzen zwischen Arbeit und Leben durchlässig. 

[2] Rovelli, Carlos, Und wenn es die Zeit nicht gäbe? Rowohlt Verlag Hamburg 2018 

[1] Staun Harald, „Denken Sie etwas deutlicher!“ in: Frankfurter Allgemeine Quarterly Ausgabe 07, Sommer 2018 (Revolution im Kopf)

Aktuelle Publikation der Autorin: "Elektromobile Arbeitswelt: Agilität in Methoden und innerer Haltung" im Kompendium "Systemwissen zur E-Mobilität"

Serie "Digitalisierungsperspektiven":

Teil 2: Spannungsfelder und Vieldeutigkeitstoleranz

Teil 3: Wie intelligent ist KI?

Teil 4: Partner, Diener, Herrscher?

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Digitalisierungsperspektiven Teil II: Eine Gesells...
Shared Service Organisation Teil IV - Kostensenkun...

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