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Strategiekultur chinesischer Unternehmen – eine erste Annäherung mit Sunzi

Sunzi

China war 2017 nicht nur Deutschlands wichtigster Handelspartner, chinesische Unternehmen agieren ihrerseits immer erfolgreicher am Weltmarkt und treten als Käufer deutscher Unternehmen in "Schlüsselindustrien" in Erscheinung. Dass sich viele mit der neuen Rolle Chinas im globalen Wettbewerb und im Bereich der Unternehmensübernahmen und -kooperationen noch schwertun, manifestiert sich häufig in einem westlich-europäisch geprägten Chinabild.

 Welches Bild hat der Westen von China?

Das asiatische Gegenüber wird oft in eher dunklen Tönen gezeichnet. Chinesen wirken darin nicht selten unberechenbar, ausweichend, aktionistisch usw.; also alles andere als faire Konkurrenten oder zuverlässige Geschäftspartner, mit denen man eine stabile Zusammenarbeit aufbauen kann.

Obgleich vorurteilsbeladen und oftmals fehlinterpretiert, verbirgt sich in diesen Chinabildern bei genauerer Beobachtung ein »Kern an Wahrheit«, der wertfrei betrachtet auf ein anderes, uns fremdes, aber nicht notwendigerweise falsches oder gar verwerfliches Verhalten hindeutet. Daraus ergeben sich sowohl für Unternehmenskooperationen, als auch auf der Ebene des Wettbewerbes höchst interessante Fragestellungen.

  • Gehen Chinesen Ihre Unternehmensgeschäfte tatsächlich anders an?
  • Und wenn ja, steckt hinter diesem (chinesischen) Strategie-Ansatz ein erfolgreicheres Modell als das westlicher Prägung, um die Herausforderungen eines zunehmend unsicheren, komplexen und widersprüchlicher werdenden Marktes zu meistern?

Weisheiten aus dem alten China für wachsendes Verständnis

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg chinesischer Unternehmen rücken deren kulturell-historischen Wurzeln wieder zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. So gibt es eine ganze Reihe von „Business-Ratgebern“, welche die Weisheiten aus dem alten China für den „westlichen Manager“ besser versteh- und nutzbar machen wollen. Auch die universitären Management-Lehrbücher verweisen auf chinesische Strategietradition(en). Im Mittelpunkt von beiden steht oftmals das Werk von Sunzi über „Die Kunst des Krieges.“

Nun kann man grundsätzlich darüber streiten, ob ein 2400 Jahre alter Text über die „Kriegskunst“ prinzipiell geeignet ist, als Vorlage für eine moderne Unternehmensstrategie zu dienen (Wettbewerb = Krieg!?), insbesondere dann, wenn man das Werk Sunzis als reines „Kriegshandbuch“ versteht und nach Parallelen in der Geschäftswelt sucht.

Ist die "Kunst des Krieges" aufs Geschäftsleben übertragbar?

Zudem wird Sunzi leider allzu oft in den diversen Ratgebern, aber auch in der „seriöseren“ Management-Literatur schlagwortartig und stereotyp auf die für den Leser griffigen strategischen Grundsätze wie »die Konzentration der militärischen Kräfte«, »die Einheit des Kommandos«, »die Überraschung«, »die Einfachheit des Vorgehens« reduziert und so als Vorläufer heutiger, generischer Strategie-Modelle und deren Tools beschreiben.

Die Simplifizierung von Sunzis Werk greift aber viel zu kurz!

Will man die chinesische Strategiekultur von Unternehmen und deren Ausprägung in unserer Zeit besser verstehen, gilt es die „Strategieempfehlungen“ von Sunzi in einen dreifachen und viel weiter gefassten Kontext zu stellen:

  • Jahrtausende alte Weltanschauungen und Philosophien des Yi Jing, Daoismus und Konfuzianismus, die Veränderung als einen stetig fließenden Strom von Ereignissen begreifen (nichts bleibt wie es ist, nur der Weg (Dao) bleibt), bilden auch heute noch zu großen Teilen das kulturell-spirituelle Substrat der chinesischen Geschäfts- und Managementausrichtung.

  • Die bestimmenden Faktorkonditionen des heutigen China sind: die Größe des (Binnen)-Marktes, die staatlichen Infrastruktur-Investitionen (auf Basis der Fünfjahrespläne), ein (noch) relativ niedriges Lohnniveau, Hyper-Wettbewerb und ein regulierter Markt.

  • Die Freisetzung der unternehmerischen Energie durch die Öffnung Chinas (Deng Xiaoping 1978) ist zugleich die  Geburtsstunde des modernen chinesischen Unternehmens, hinein in eine sich zunehmend globalisierende und unstetigere Welt.

Das Potenzial der aktuellen Herausforderung statt des starr definierten Ziels

Im Zusammenspiel von historisch-philosophischem Erbe und den Treibern der Moderne eröffnet sich nun eine Erklärungsvariante im Sinne Sunzis, die den Ausgangspunkt einer erfolgreichen Strategieentwicklung nicht mehr primär an ein detailliert definiertes zukünftiges Ziel bindet, sondern auf die aktuelle Situation mit ihrem Potenzial ausrichtet. Dies bedeutet, die günstigen Faktoren des Jetzt auszumachen und von ihnen zu profitieren.

Sunzi steht nun nicht mehr für den frühen Vorläufer generischer Strategieansätze, sondern wird vielmehr zu einem Protagonisten eines modernen, eher dynamisch-systemisch orientierten Strategiefindungsprozesses chinesischer Prägung.

"Fuzzy Vision". Spielraum für Flexibilität, Leichtigkeit und Agilität

Hier schließt sich der Kreis. Sind chinesische Unternehmen wirklich unberechenbar, ausweichend, aktionistisch bzw. positiver formuliert, extrem pragmatisch? Oder sind diese Attribute vielmehr Ausdruck einer intelligenten Strategie, die eine - wenn auch nicht beliebige - aber dennoch „unscharfe“ Vision formuliert. Eine „fuzzy vision“, die genügend Spielraum für Anpassungen lässt, indem mehr Leichtigkeit, Flexibilität, Agilität und Chancenorientierung zur Grundlage der Unternehmensausrichtung gemacht werden.

Schon dieser relativ kurze Ausflug in die Grundlagen chinesischer Unternehmensstrategie zeigt deutlich auf, dass der Gang nach China als Marktteilnehmer und/oder Kooperationspartner, neben einer systematischen Planung und Kontrolle, vor allen Dingen das Wissen über den fremden Markt, die (Unternehmens-) Kultur und die Menschen erfordert. Problemstellungen sollten hier immer sowohl aus „westlicher“ als auch „östlicher“ Sichtweise betrachtet werden.

Wenn Sie mehr zum Thema Sunzi oder anderen interessanten Chinainfos erfahren wollen, dann schauen Sie beim China-Wissen Kanal der VBU Akademie vorbei:

VBU Akademie – China Wissen Kanal

https://vbu.edudip.com/academy/china.wissen


Dirk Müller(MBA, Dipl.-Pol.), Partner im VBU-Kompetenzteam Mittelstand International (Fokus China)

Foto: Sämtliche Rechte bei Dirk Müller

Der Referent bewegt sich seit vielen Jahren zwischen den Kulturen. Verheiratet mit einer Chinesin, bedeutet täglich gelebte interkulturelle Kompetenz. Im Fokus seiner Beratungstätigkeit stehen Markt- & Trendanalysen (China-Radar), Strategisches-Marketing, sowie die Projektbegleitung vor Ort in China.

 

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